Die Einladung

Alice war eigentlich nicht mutig, aber neugierig. Deshalb trat sie erwartungsvoll in die Hotellobby ein. Die Rezeptionistin lächelte ihr herzlich zu, tippbereit ihre Personalien aufzunehmen. «Guten Tag.», begann Alice. «Ich habe...» sie stockte, «nein, jemand hat ein Zimmer auf meinen Namen reserviert.» Die Hotelrezeptionistin schaute auf. «Ja, wer den?», fragte sie. «Wenn ich das wüsste», antwortet Alice, unsicher wie viel sie verraten sollte, aber sie wollte sich jemanden anvertrauen. «Ich habe vor ein paar Tage ein Schreiben in meinen Briefkasten gefunden. Checken sie heute in das Hotel Beau Séjour in Luzern ein. Weitere Instruktionen folgen.». «Ach so.», antwortete die Rezeptionist ganz selbstverständlich und nahm einen Plastiksack aus der Schublade. «Bitte schön. Legen sie ihre Habseligkeiten hier hinein und begeben sich zu Zimmer 22.». Verwirrt nahm Alice den Sack entgegen. «Aber das ziemt sich doch nicht mit einem Plastiksack durch die Hotellobby zu spazieren.», dachte sich Alice noch, während sie die Treppenstufen zu ihrem Zimmer nahm. Vor ihrer Zimmertüre hing ein ‹do disturb›-Schild. Gibt es das überhaupt? Das musste ein Irrtum sein. Alice nahm es weg und trat ins Zimmer ein. Erschrocken sprang sie zugleich auf. Ein kleiner Mann in einem blauen Anzug und Melone stand in ihrem Zimmer und schmunzelte sie an. Auch begutachtete er ein ledernes Schreibetui, das auf dem Schreibtisch lag. Aber das war ja ihr Etui! «Mhm...», nickte der Melonenmann, «das gefällt mir, das nehme ich.». Alice dreht sich um und rannte aus dem Zimmer zum Lift. «Das muss ein Verwechslung sein, garantiert.» sagte sie atemlos zu sich und drückte energisch die Lifttaste. «Das klärt sich sicherlich an der Rezeption.». Als der Lift kam, schwang Alice die Türe auf und hielt abrupt inne. Es war bereits jemand drin. «Wohin wollen sie?», fragte die komplett schwarz angezogenen Frau mit Grabesstimme. «Ähm, an die Rezeption.», antwortet Alice irritiert. «Immer herein, schöne Frau.», konterte die Liftdame. Anstatt hinunter fuhren sie jedoch aufwärts. «Ich fahre lieber hoch,» erklärte die Schwarzangezogene. Alice zuckte erstaunt mit Schultern, es wurde immer bizarrer. «Wir sind angekommen.» sagte die Frau und bugsierte Alice unsanft durch die Lifttüre. «Aber, ich will… das ist nicht mein Stockwerk...», versuchte Alice noch entgegen zu halten. Die Türe hatte sich jedoch bereits wieder geschlossen. Alice schaute sich um und sah direkt vor sich einen etwas in die Jahre gekommenen Holzschrank mit Spiegeltüre stehen. Weit und breit keine Treppe. «Wo bin ich hier denn gelandet? Dann halt wieder den Lift mit dieser Person.», entschied sich Alice. Da öffnet sich plötzlich die Spiegelschranktüre und ein Zimmermädchen (sagt man das überhaupt noch so?) trat heraus. Auch sie grinste, «Bitte hier hinein.» forderte das Zimmermädchen und schob Alice bestimmt in den Schrank. Zu perplex, um noch rechtzeitig zu reagieren, schrie Alice im letzten Moment doch noch auf, «Halt. Hilfe! Was soll das?» und warf aus Verzweiflung den Plastiksack mit ihren Habseligkeiten nach dem Zimmermädchen. Aber es war zu spät, das überaus starke Mädchen verzog keine Mine und schloss die Schranktüre. Dann nahm sie den Plastiksack auf und übergab in der Liftfrau, die inzwischen wieder oben angekommen war. Sie grinsten beide hämisch, «Alice is in wonderland.»


Schreiben im Hotel, kreativer Schreibworkshop mit schreiben.rocks, Februar 2022