Tanke - keine Sätze in Vergangenheit

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- Frieda um die Fünfzig, generöse Weltenbummlerin
- Paula um die Vierzig, begeisterungsfähige Lebenssinnsuchende
- Toni um die Dreissig, lakonischer Pragmatiker
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Tempi Passati
Paula und Toni unterwegs im Auto.
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- Toni: Weisst du wo wir zufälligerweise gerade unterwegs sind?
- Paula: Jetzt wo du es erwähnst, natürlich. Das ist doch unsere Strecke, to heaven.
Oh, war das schön. Ich erinnere mich noch sehr gut an die riesige Tavolata einmal in der Woche. Alle sind gekommen, und du, Frieda und ich im Mittelpunkt, amazing. Haben wir hier geschlemmt und es aufleben lassen, hier konnten wir richtig phänomenal auftanken für den Alltag.
- Toni: Wahnsinn, und ich durfte am Schluss den Abwasch machen.
- Paula: Tja, für das sind Azubis doch da.
- Toni: Hört, hört, sagt die Berufsbildnerin mit dem Wegwerfgeschirr. Vorbildlich. Aber diese Abstürze, legendär, mit ganz viel Restalkohol im Blut bin ich an die Abschlussprüfung gerauscht.
- Paula: Und glamourös bestanden. Wir waren so stolz auf dich. Schade konntest du nicht im Betrieb bleiben.
- Toni: War schon hart an der Grenze, aber ich habe auch ausserhalb des geschützten Rahmens einiges an Erfahrung gesammelt. Frieda hatte ja auch ein eher kurzes Gastspiel als Temp und ist anschliessend weiterhin um die halbe Welt gezogen.
- Paula: Well, tempi passati. Und, wo sind wir jetzt? In alle Winde verstreut, what a pity. Es könnte auch anders sein.
- Toni: Wir drei hatten wirklich eine gute Dynamik.
- Paula: Frieda ist übrigens wieder hier. Sie… Aber hallo, wir sind ja da und siehst du das? Dort vor der Zapfsäule. Ein riesiges Schild. Was steht da? Really?
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Verkauf
Paula hinterlässt am gleichen Tag eine Nachricht auf dem Telefonbeantworter von Frieda.
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- Paula: Ciao Frieda! It‘s me, Paula, nimm ab, nimm ab. Come on, wo steckst du bloss wieder? Guess what! Das errätst du nie, es ist passiert. Yes! Unsere Tanke steht zum Verkauf, da bleibt dir die Spucke weg. Wir sind gerade daran vorbeigefahren. Unsere alte Heimat, unsere Lebensader - wir haben doch erst gerade wieder letztens darüber gesprochen. Und jetzt das, incredible! Da müssen wir unbedingt zugreifen. Ruf mich zurück, aber pronto.
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Hammer
Frieda und Paula eine Woche später im Auto auf der Wegfahrt von der Tanke.
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- Frieda: Nun gehört sie uns. Mit allem Drum und Dran.
- Paula: Wahnsinn. Vor allem dank dir, Frieda generosa. Das ging ja superschnell.
- Frieda: Eins habe ich im Leben definitiv dazu gelernt. Nägel mit Köpfen machen. Ich wünschte, ich hätte das schon etwas früher begriffen.
- Paula: Ach, so schön bist du wieder im Lande. Das wird der Hammer.
- Frieda: Sowieso.
- Paula: Ich kann es kaum erwarten. Hier sprudeln bereits die Ideen. Es gibt aber noch einiges zu tun.
- Frieda: Das packst du, du packst alles.
- Paula: Was heisst ich? Wir.
- Frieda: -
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Full Power
Paula und Toni einen Tag später im Auto auf der Hinfahrt zur Tanke.
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- Paula: Wir sind einfach ein gutes Team. Lots of Energy. Full Power. Du wirst Augen machen. Alles wie früher.
- Toni: Sätze in Vergangenheit sind mir eigentlich zu wider.
- Paula: Wie bitte? What is on your mind? Raus damit!
- Toni: Ach nichts… oder doch. Um es mal in deiner Sprache auszudrücken, wer ist die cash cow?
- Paula: Ha. Ist geheim.
- Toni: Aha. Frieda?
- Paula: Momentan sind wir hier.
- Toni: Aber es funktioniert nur zu dritt.
- Paula: Natürlich ist sie dabei. Come on.
- Toni: Wartet sie an der Tanke auf uns?
- Paula: Nein.
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Tanke
Paula, Frieda und Toni ein paar Tage später in der Tanke.
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- Paula: Herzstück der Tanke ist ganz klar das Café. Wenn wir hier noch etwas mehr Farbe reinbringen, dann wird das fantastico. Was haltet ihr von einer Lightshow? Und einem monatlichen Karaoke Abend? Und unbedingt eine Juke-Box!
- Toni: Als erstes muss eine richtige Café-Maschine rein, la Macchina, nicht so ein Bialettischeiss. Frieda, wo warst du eigentlich die letzten Tage? Hast dich ganz schön rargemacht.
- Frieda: Ich. Kontemplation.
- Paula: Eines ist klar, wir müssen was zu essen anbieten. Hausgemachte Tapas beste Bioqualität, frische Salate mit dem gewissen Etwas, vierschrötiges Vollkornbrot, hochwertiges Olivenöl, das ist doch voll dein Ding Frieda.
- Frieda: Natürlich. Es werden alle hierher pilgern für den besten Kaffee, das vollwertigste Essen, die gemütlichste Atmosphäre. Die schönsten Stunden sollen hier verbracht werden… wir… ich… ihr…
- Toni: Frieda? Frieda!
- Paula: Bleib liegen, du bist ja ganz bleich.
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Renovation
Paula, Toni und Frieda am Abend auf dem Dach der Tanke. ...
- Toni: Und wann wolltest du uns das mitteilen Frieda? Und du Paula, hast es doch schon längst gewusst.
- Paula: Ich … wir... Aber es könnte ja alles ganz anders kommen, who knows? So was hat es schon öfters gegeben, dass…
- Frieda: Akzeptiert es endlich.
- Toni: So funktioniert es für mich nicht mehr. Da ist nun ein Ungleichgewicht.
- Paula: Wir haben bereits so viel in die Renovation gesteckt, wir können nicht einfach aufgeben.
- Toni: Das hat früher schon mit uns Zweien nicht so richtig geklappt, warum sollte es heute gehen?
- Paula: Du Pessimist, das stimmt doch gar nicht, warum musst du immer alles so schwarzmalen.
- Toni: Ich bin Realist, und nicht so eine verklärte Seele wie du.
- Paula: Na klar, jetzt kommt die ‘ich bin so sachlich und objektiv’-Schiene wieder.
- Toni: Ohje, jetzt bist du wieder beleidigt, eingeschnappt, wie früher…
- Frieda: Wisst ihr eigentlich warum man sterben muss?
- Toni: -
- Paula: -
- Frieda: Um das Leben bedeutsam zu machen.
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Hier und Jetzt
Toni und Paula ein paar Wochen später vor der Tanke.
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- Paula: Moment, bevor wir reingehen. Ich habe da noch was.
- Toni: Was ist das? Ein Brief?
- Paula: Den hat sie uns hinterlassen. Am Tag der Eröffnung zu aufzumachen. Also heute. Bevor sie... du weisst… der Abgang. Ihr Abgang.
- Toni: Lies vor.
- Frieda: Ihr Lieben, ich bin nicht mehr. Aber ihr habt das hier, jetzt. Denn alles was zählt ist der Moment. Genau hier und jetzt. Die Zukunft ist eine Illusion, die wir bloss gebrauchen, um zu ignorieren, dass wir heute am Leben sind. Also, wichtig, seid jetzt, hie. Lebt und teilt das mit den Anderen. In Liebe eure Frieda.
- Paula: Fucking hell.
- Toni: Pointiert, wie immer. Ein passenderes Andenken hätte sie uns nicht hinterlassen können.
- Paula: Und wirklich ein verdammt guter Name. Auftanken im Hier und Jetzt.


Mini-Theater aus Szenischem Schreiben - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2021