Im Zug am Zug

Unbedingt aufmerksam sein, die Fühler ausstrecken und auf alles achten. Auf die kleinen wie die grossen Dinge, damit der Tag umfassend beschrieben werden kann, Mittwoch, 27. Januar 2021. Ich hatte es mir absichtlich gross und fett in der Agenda notiert. Natürlich habe ich es dann sogleich wieder vergessen. Erst am Abend des besagten Tages kam es mir wieder in den Sinn. Ich wusste jedoch sofort, auf welche Zeitspanne ich meinen Schwerpunkt setzen würde. Obwohl dies gar nicht so einfach war, denn es wurde letztendlich ein sehr ereignisreicher Tag, und er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ganz vorbei. Innerhalb weniger Stunden passierte so vieles. Über die einzelnen Episoden hätten ganze Abhandlungen geschrieben werden können.
Ich hatte an diesem Tag frei, war nicht dem üblichen Alltagstrott ausgesetzt, sondern hatte morgens einen Zahnarzttermin. Bereits das erste ausserfahrplanmässig Ereignis. Aber nicht nur das, nachdem ich diesen doch eher mühseligen Termin hinter mich gebracht hatte, machte ich mich mit den neuen Schneeschuhen auf zu einem Ausflug in die Appenzeller Hügel. Schneeschuhlaufen, ein neues Hobby von mir. Nebst Gehen und Fahrradfahren nochmals eine weitere Fortbewegungsart. Ruhig und bedächtig unterwegs sein. Und das bin ich gerne, in Bewegung. Nebst dem, dass ich eine neue Sportart ausprobierte, war auch das Wetter äusserst ungewöhnlich. Es kam während der Tour ein Schneesturm auf. Ich musste die Wanderung frühzeitig abbrechen und in eine nahegelegene Kirche flüchten. Anschliessend fuhr ich mit dem Postauto im Schneegestöber durch die raue Landschaft zum Bahnhof Wattwil zurück. Bereits bis dahin ein wahrer Fundus für die Beschreibung eines einzigen Tages. Aber trotzt all dieser aussergewöhnlichen Begebenheiten möchte ich keine davon ausführlicher aufschreiben, sie sollen als wilde, schöne Erinnerung in mir nachhallen. Ich schreibe über etwas Anderes, das am Ende dieses Tages hartnäckiger als alles andere an mir haften blieb.
Ich sitze im Zug. Es ist gegen sechs Uhr abends. Ich friere, der Schneesturm hat doch seine Spuren an meiner Kleidung hinterlassen. Alles ist feuchtkalt. Ferner hat der Zug auch noch Verspätung. Allerdings nur fünf Minuten, aber ich weiss nicht, ob ich so meinen knappen Anschluss schaffen werde. Umsteigen in Rapperswil, ich sprinte aufs andere Gleis, die Türen sind noch offen, schnell rein. Freie Plätze hat es auch noch genügend. Nachdem ich mich mit meiner Winterausrüstung in eine leere Zweierbank gezwängt habe, lasse ich den Blick um mich herumschweifen. Alles in Ordnung, du bist da, alles scheint normal und du bist im richtigen Zug. Durchatmen. Nach einem bereits sehr ereignisreichen Tag fahre ich nach Hause, während mir kalt ist und ich schon von den warmen Socken zu Hause träume. Den Anschluss habe ich erwischt, nun kann ich mindestens für 30 Minuten sitzen bleiben. Ich stecke die kabellosen Kopfhörer in meine Ohren und packe den kleinen Kompaktcomputer aus. Ich weiss, etwas Ablenkung wird mir guttun. Ein paar Fingertipps auf dem Bildschirm später, sehe ich den vertrauten grünen Hintergrund mit den sieben Kartenstapeln unten, einem verdeckten Kartenstapel links oben - diesen nenne ich liebevoll Reservoir - und den vier leeren Rechtecken oben, die gefüllt werden müssen. Die oberste Karte auf jedem Stapeln liegt frei und ich beginne bereits, bevor die Hand reagiert, zu überlegen, was zusammenpasst. Ich höre nichts mehr um mich herum, auch nicht die Musik in meinen Ohren, die Umwelt ist komplett ausgeblendet. Es gibt nur der grüne Hintergrund mit den Karten und ihren Zahlen und Farben. Es ist, als wäre ich in ein Zeit-/Raumloch gefallen, als hätte ich, beziehungsweise mein Körper, aufgehört zu existieren. Ein ganz angenehmes Gefühl, das Ringsum gibt es nicht mehr. Keine Wehwehchens, keine Auseinandersetzungen, keine Termine, keine todolists, keine Ablenkungen - es zählt einzig nur noch das Spiel. Alle Karten müssen der Reihe und ihrer Farbe nach in die vier noch leeren Stapel oben abgelegt werden. Hierfür können sie mit der Farbe alternierend (schwarz/rot) auf die bereits offenen Karten in die unteren Stapel temporär abgelegt werden, aber auch hier nur in der korrekten Zahlenreihenfolge. Nun, wenn ich die rote Vier auf die schwarze Fünf schiebe, hat es einen freien Platz für den König, und es wird auch gleich eine neue Karte im unteren Stapel freigelegt, was könnte darunter sein? Ach… es ist eine schwarze Acht, Mist! Die liegt schon offen da und nützt mir nichts. Dann halt nochmals eine Karte vom Reservoir nehmen. Toll, ein Ass! Das kommt gleich als erste Karte ins leere Eck oben. Wenn nun nur die Zwei nicht allzu lange auf sich warten lässt. Was gibt es als nächstes? Wenn ich die rote Sieben auf die schwarze Acht schiebe, dann….
Seit dem Lock-Down habe ich eine alte Sucht reaktiviert. Das Kartenspiel Solitär. Als Jugendliche bin ich diesem Zeitvertreib zum ersten Mal verfallen, es war auf meinem ersten Computer automatisch installiert ‘Klondike for Mac’. Dann hatte ich es für ein paar Jahre gänzlich vergessen, vieles andere wurde wichtiger, andere Zeitvertreibe spannender. Nun ist es wieder da, an diesem einen Tag im Jahr. Wobei eigentlich dies nicht ganz korrekt ist, denn ich spiele es schon seit Wochen fast täglich, sei es kurz nach dem Aufstehen oder zwischendurch während des Tages und manchmal auch am Abend, vor dem Zubettgehen. Es ist auf all meinen Gerätschaften installiert; Computer, Tablett und auch Handy. Ich kenne die Unterschiede aller Varianten. Das auf dem Handy installierte Spiel, ist das Gemeinste. Keine Tipps, kein Zurückknopf, gnadenlos. Der Computer spielt einen auf Zeit, so dass es fast etwas zu stressig ist, es bleibt viel zu wenig Zeit zum Überlegen. Und das auf dem Tablet ist das Einfachste, sehr gut für Erfolgserlebnisse, aber es hat auch einen Wermutstropfen, leider gibt es viel zu viel Werbung. Das Spiel hängt von der Reihenfolge der Karten ab, ist zugleich ein Geduld- und Strategiespiel wie auch ein Glücksspiel. Die Regeln sind schnell begriffen, es ist nicht kompliziert und doch fordert es heraus. Sei es zum Zeitvertreib, als Meditation oder Gedächtnistraining. Solitär spielt man, wie der Name schon suggeriert, alleine, solo. Es ist eine Variante von dem Kartenspiel Patience, also vor allem auch ein Geduldsspiel.
Im Zug am Zug. Ich nehme die Zeit nicht mehr wahr, sondern nur, dass ich das erste Spiel verliere. Ein leichter Frust macht sich breit, aber er hält nur kurz an. Kein Problem, ich beginne von vorne, beziehungsweise starte nochmals neu. Es gibt die Möglichkeit, das gleiche Spiel nochmals zu beginnen, um eine neue Strategie mit der gleichen Kartenauslegung auszuprobieren oder dann doch gleich ein ganz neues Spiel mit frischen Karten zu wählen. Wenn das im Leben doch manchmal nur auch so wäre. Ein Satz einfach ungeschehen machen zu können, eine Handlung zurückzunehmen und nochmal von vorne zu beginnen, wären wir dann konstant in einer Zeitschleife gefangen, weil wir Ereignisse immer wieder nochmals durchspielen würden? Würden wir so vielleicht auch mehr wagen, da es ja immer wieder die Möglichkeit für einen erneuten Versuch gäbe? Beim Kartenspiel sollte es theoretisch jedes Mal immer eine Lösung geben, aber wenn es mir zu anstrengend wird, starte ich nochmals ganz neu. Ich spiele ein Spiel ums Andere. Während dessen hält der Zug an mehreren Stationen. Leute steigen aus, andere steigen zu – das nehme ich im Nachhinein jedenfalls an. Denn ich bekomme jetzt von alldem nichts mit. Nur noch ein Spiel und nochmal eins. Das Letzte hätte ich fast gewonnen, bis es auch nach mehrmaligen Versuchen nicht mehr weiterging. Abbruch. Neues Spiel starten, neues Glück. Das werde ich aber gewinnen. Und um das geht es doch, oder? Plötzlich bin ich wieder hier, verlasse die Kapsel. Schaue um mich, wo bin ich? Wie viel Zeit ist vergangen? Ich realisiere, dass ich bereits am Ziel vorbeigefahren bin. Ich habe meine Station verpasst. Verwirrt schaue ich um mich, habe keine Erinnerung mehr, ob diese Leute, der Mann im Anzug schräg vis-à-vis, die zwei Frauen vor mir, auch in Wandermontur, schon die ganze Zeit dagesessen sind. Und ich habe einfach den Ausstieg verpasst. Darüber bin nun doch etwas erstaunt, das passiert mir äusserst selten bis eigentlich gar nie.
An der nächsten Station steige ich aus und laufe zu Fuss über die Josefwiese. Während dem Laufen dreht sich mir der Kopf. Ein Gedanke purzelt nach dem anderen raus, es fliesst und fliesst. Nicht wirklich stringent, aber stetig. Was bedeute dieses Ab- und wieder Auftauchen, was fühle ich dabei, was denke ich dabei, was macht das mit mir? Stosse ich da in tiefere Gefilde meines Bewusstseins oder bringe Verborgenes aus meinem Unterbewusstsein hervor? Ich denke schon, dass dieses ‘sich Vergessen’, ähnlich wie beim Träumen, andere Synapsen im Hirn aktiviert. Durch den inaktiven Verdräng-Mechanismus, nehme ich andere Zusammenhänge wahr, die ich vielleicht in dem Moment noch nicht zuordnen kann. Aber je öfters ich mich verliere und wiederfinde, umso klarer werden die noch unscharfen Konturen. Ich weiss nur noch nicht, was ich damit machen soll und ob ich überhaupt etwas bewusst damit machen muss.
Es ist gegen acht Uhr abends, bereits dunkel, leichter Nieselregen mischt sich mit den in der Stadt liegen gebliebenen Schneeresten. Ich sinniere immer noch, eigentlich schön, wenn wir noch über uns selbst staunen können, denn selten verliere ich mich so wie gerade vor diesem Augenblick. Es ist eine Verschnaufpause von dem strukturierten Sein. Sich ausklinken aus dem müssen Funktionieren. Ist nicht gerade das unumgänglich, um andere Lebensanforderungen zu stemmen? Wie Zahnarzttermine, Schneestürme, Verspätungen, nasse Kleider. Und so gesehen unbedingt auch als Aufmerksamkeitsschärfer.


Einführung - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2021